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Apr 19 2017

Das Leiden der Hijras

(c) FAZ

„Gauri Sawant ist – nach ihrer Geburtsurkunde zu urteilen – als Junge auf die Welt gekommen. Als Jugendliche merkte sie, dass sie sich zu Männern hingezogen fühlte. Und schließlich, dass sie sich gar nicht als Mann fühlte. Sie entschied sich für eine „Transition“, eine Geschlechtsumwandlung, nahm erst Hormone und ließ sich dann kastrieren, um weiblicher zu werden. Und hat sich damit für ein Leben als Ausgestoßene entschieden.

Die männlichen Transsexuellen, Hijras genannt, blicken in Indien auf eine jahrtausendealte Geschichte zurück. Schon in antiken Versen wie dem Mahabharata und dem Kamasutra werden Geschlechtsüberschreitungen in beide Richtungen erwähnt. So ist Mohini je nach Legende die weibliche Manifestation der Hauptgottheit Vishnu oder Krishna. Die Hijras, die Töchter der Mohini, hatten historisch einen Platz in der indischen Gesellschaft, der durchaus positiv besetzt war. Sie galten – und gelten – als Glücksbringer, weil sie Merkmale beider Geschlechter in sich tragen, und tanzen in Tempeln zu Geburten und Hochzeiten.

„Niemand will eine Hijra im Haus“

Erst der Einzug der britischen Kolonialisten kriminalisierte eine jahrtausendealte indische Tradition. Das britische Raj führte nicht nur das viktorianische Männerbild ein, das alles Effeminierte als suspekt befand, sondern machte mit dem Criminal Rights Act von 1871 Kastration illegal und stellte mit Paragraph 377 des Indian Penal Codes von 1860 jegliche Sexualakte außer dem Vaginalverkehr unter Strafe. Damit begann die Diskriminierung von Hijras und Homosexuellen, die bis heute anhält – Paragraph 377 ist trotz laufender Petitionen noch in Kraft.

„Niemand will eine Hijra im Haus“, sagt Sawant. „Meine Familie hat mich verstoßen, als ich vor 23 Jahren meine Transition begann. Für sie existiere ich nicht mehr. Vor zehn Jahren habe ich meinen Vater vom Auto aus gesehen. Das hat so geschmerzt, dass mir der Atem für einen Moment weggeblieben ist. Manchmal sehne ich mich nach der Wärme und dem Wohlstand meiner Familie und frage mich, warum ich das alles mache. Aber ein anderes Leben hätte ich nicht leben können, trotz all der Entsagungen.“

Link zum Orginaltext: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/transsexuelle-in-indien-kaempfen-fuer-ihre-rechte-14954557.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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Über den Autor

Daniela Thomä

Jahrgang 64, Studium Sozialpädagogik,
seit 2013 in Braunschweig, in einer glücklichen Beziehung, 2 Kinder
Gründerin von www.gender-bs.de

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